Manchmal ist man einfach zu viele

Auto

Es gibt einen neuen Nachbarn mit einem neuen Auto. Nicht mein persönliches Lieblingsauto; zum Nachbarn kann ich noch nichts sagen. Dieser Nachbar parkt in regelmäßigen Abständen vor unserer Einfahrt. Mit jedem Mal wird es schwieriger auszuhalten. SO EINE UNVERSCHÄMTHEIT! Wie kann man so dreist sein?

Es gibt eine zunehmend lauter werdende Stimme der Empörung in mir und es wäre auch völlig unkompliziert nun adäquat zu reagieren, wenn dies die einzige Stimme in mir wäre. Leider meldet sich mit ähnlicher Vehemenz noch eine weitere Stimme. Eine Stimme der Vernunft, die so etwas sagt wie „was ist Dein Problem, Du hast doch gar kein Auto?“.

Und spätestens jetzt kommt noch eine weitere Stimme dazu, die sowas sagt, wie „krass, wie spießig ist das denn, hier auf so imperiale Machtansprüche zu bestehen?“ – und noch eine die so etwas sagt, wie „aber hier geht es doch um Recht und Ordnung – es ist verboten in den Einfahrten anderer zu parken!“ und noch eine die so etwas sagt, wie: “ach komm ist doch egal, das gibt doch nur wieder Ärger“…spätestens jetzt ist der Rest von mir eingefroren und handlungsunfähig.

Das passiert uns Menschen übrigens relativ häufig, dass wir plötzlich ganz viele unterschiedliche Stimmen in uns hören und nicht mehr wissen welcher wir jetzt zuhören sollen. Das ist völlig normal und hat nichts damit zu tun, dass sie vielleicht tiefergehende therapeutische Hilfe bräuchten. Wir bestehen alle aus vielen Anteilen, die unterschiedlich alt, laut oder leise, hilfreich oder hinderlich sind. Manche haben wir schon aus der Kindheit (die sagen häufig so Sachen, wie „reiß Dich mal zusammen“, „stell dich nicht so an“ oder „du bist hier nicht die Einzige“), manche sind erst später dazu gekommen „es ist nicht alles Gold was glänzt“, „andere Mütter haben auch schöne Söhne“ oder „nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird“.

Diese inneren Anteile reagieren unterschiedlich stark auf bestimmte Situationen und wenn man nicht noch mal innehält, dann handelt man schnell mal nach der Facon der lautesten Stimme – was nicht immer die hilfreichste Reaktion ist. Ähnlich unangenehm wie das vorschnelle Reagieren aus einem besonders lauten Anteil heraus, fühlt sich die Kakophonie der Stimmen an, wenn sie sich besonders uneinig sind. Meistens führt das wie in meinem Fall dazu, dass man erstmal gar nichts macht, keine Entscheidung trifft, nicht handelt.

Ich würde die Hypothese wagen, dass die meisten Situationen, die sie aus der Arbeitswelt kennen, in denen ein Kollege, eine Vorgesetzte, eine andere Abteilung, keine Entscheidung trifft oder nicht handelt, obwohl beides schon lange dringend nötig gewesen wäre, ihre Ursache in genau so einer Kakophonie der inneren Stimmen hat. Eine kollektive Lähmung in der alle irgendwie recht und zugleich unrecht haben.

Friedemann Schulz von Thun hat dies das innere Team genannt und erstaunlich viele Parallelen gefunden, zwischen dem inneren Team und solchen Teams im Äußeren, also die in denen viele von uns arbeitsmäßig organisiert sind. Vor allem, dass ein Teammitglied, dass häufig in seinen Bedürfnissen nicht gehört wird, irgendwann ein ganz schön unangenehmer Zeitgenosse werden kann. So ein richtiger Widerporst, der alles blockiert, was die Mehrheit befürwortet. Ein richtiges Ekel. Was wir ja auch von uns selber kennen: Wenn wir immer übergangen werden (oder das Gefühl haben, dass es so wäre), wenn uns nie zugehört wird, dann gehen wir irgendwann in den Widerstand und machen gar nicht mehr mit – sollen sie doch sehen wo sie bleiben!

Innere wie äußere Konflikte in Teams brauchen Raum in dem zugehört werden kann. Jedes Teammitglied muss das Gefühl haben, dass die eigene Sichtweise gehört und berücksichtig wurde. Die Entscheidung darf eine andere sein, aber es muss offen und ehrlich zwischen den unterschiedlichen Perspektiven abgewogen worden sein. Versuchen Sie es doch mal, schreiben sie alle unterschiedlichen Stimmen auf, hören sie sich jede wertschätzend an und entscheiden dann transparent und nachvollziehbar, sie werden es sich danken.

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