Im Land der begrenzten Möglichkeiten

Ich traue mich kaum, es laut zu tippen: Mir geht es im Augenblick eigentlich ziemlich gut!  

Und bevor jetzt jemand hyperventiliert: Ja klar, nicht die ganze Zeit, und die Organisation des Alltags ist schwierig. Ich habe durchaus auch Angst vor dem Virus, vielleicht nicht direkt um mein Leben, aber um das von Menschen in meinem Leben. Mir brechen in meiner Selbständigkeit Aufträge weg, mit denen ich fest gerechnet hatte. Und wenn ich doch arbeiten darf, habe ich ein vierfaches Kinderbetreuungsproblem. Denn so richtig systemrelevant scheine ich wohl nicht zu sein. Oder meine berufliche Unentbehrlichkeit ist bei denen ganz oben noch nicht angekommen. Die Kinder wollen bekitat, beschult, bekochtbekuschelt, gereinigt und bespaßt werden und haben unpassenderweise auch mal Geburtstag. Ich kann nicht in die Kneipe, ins Kino oder ins Theater gehen, darf nicht meine erweiterte Familie und FreundInnen besuchen, wie es mir gefällt. Ich bin abhängig und muss mich anpassen. Eigentlich überhaupt nicht schön, denn meine bescheidene Unabhängigkeit und liebevoll gepflegte Unangepasstheit hatte ich mir über die letzten 40+ Jahre hart erarbeitet. (Nebenbei: 40 – eine echte, weil sprichwörtliche Quarantäne…) Und nein, all das will ich hier jetzt nicht schönreden. Allerdings…  

Obwohl ich wirklich gern öfter faul wäre – und tief, tief in mir eigentlich ganzganz faul binkommen mir im Alltag ständig meine inneren Antreiber, Spielkälber und Co dazwischen. Ich könnte so schön faul sein, aber es gibt ja immer so viel zu tun, auszuprobieren, zu erledigen, zu genießen, zu schaffen. Unbegrenzte Möglichkeiten! Herrlich! Oder nicht? (Sollte ich versuchen, noch leiser zu tippen?) 

Mein tägliches Spielfeld ist innerhalb kürzester Zeit massiv geschrumpft worden, und zwar nicht von mir, sondern von ganz obenJemand anderes ist dafür verantwortlich, nicht ich. Und das ist nicht nur schlimm, schade oder ärgerlich, sondern auch entlastend. Sonst muss ich ständig mit meinem inneren Schweinehund (meinen inneren Schweinehunden – es ist wohl eher ein Rudel…) verhandeln, ob ich denn nun heute Abend wirklich zur Band gehen sollte, will oder muss. Der Tag war lang, die Couch sieht verlockend aus, wieso nun nochmal raus, nochmal aufraffen – und am besten vorher nochmal üben. Das ist so absurd, denn niemand zwingt mich, mit anderen abends Musik zu machen. Ich will das – eigentlich. Teile von mir wollen das. Aber eben nicht alle. Und diese inneren Verhandlungen sind oft so anstrengend. Und immer muss ich am Ende eine Entscheidung treffen. Und die muss ich dann vor mir und dem Rest der Welt rechtfertigen. Das ist kräftezehrendSo viele Möglichkeiten zu haben, so viel machen zu können, bedeutet eben oft auch, so viel machen zu müssen. Sagen zumindest meine inneren Spielkälber, Antreiber und Sensation Seekers.  

Und die können jetzt mal alle schön ruhig sein: Weil ich grad nicht zur Band gehen KANN / DARF – sorry, nicht meine Schuld. Weil die Kinos dicht sind – tut mir leid, da kann ich nix machen. Weil die Baumärkte geschlossen haben – ich WÜRDE ja Bretter für ein neues Regal kaufen, aber geht leider nicht. Weil die Hobbies der Kinder gestrichen sind – Musik, Sport und alle anderen Gruppen müssen ausfallen, ich hätte euch so gern gefahren, eure Talente gefördert, aber da kann ich grad echt nichts dran ändern, malt doch mal was Schönes und zeigt es mir dann… Und ich setz mich jetzt hier hin und schreibe langsam und in Schönschrift eine Speisekarte für die ganze Woche, damit wir nur einmal einkaufen gehen müssen. Und dann schau ich den Indoor-Zucchini-Pflanzen beim Wachsen zu – schon wieder ne neue Blüte, kommt mal alle gucken. Ich persönlich könnte ja schneller, geht aber nicht – sie lassen nur 12 Menschen gleichzeitig ins Geschäft. Und damit bin ich aus dem Schneider, fein raus und nicht verklagbar. Ihr inneren Antreiberinnen (oder gar Verurteilerinnen), versucht es gar nicht erst – ich bin unschuldig. Yes! *Stille…* Und diese Stille macht was mit mir. Sie lässt meinen Rücken weniger schmerzen und meine Gedanken weniger durcheinander wirbeln. Ich habe Zeit, mich längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren, muss ja heute nicht mehr los. Und auch wenn ich grad, wie oben beschrieben, den durchaus chaotischen Alltag neu stemmen muss, so ist nachmittags, abends, am Wochenende immer irgendwann der Punkt erreicht, wo Schluss ist. Und ich nichts mehr tun KANN. Und deshalb ein echtes Buch lese. Oder so. 

Ja, ich ahne es, dieser Zustand wird nicht ewig anhalten, so wie die mit der Pandemie verbundenen Einschränkungen ja tatsächlich hoffentlich nicht ewig anhalten werden. Aber so kann ich mir noch eher erlauben, es immer mal zu genießen. Ohne schlechtes Gewissen und das Gefühl, mit meinem inneren Schweinehundrudel ohne Option auf Wiederkehr in eine gemütliche Kommune zu ziehen. Wobei, klingt auch nicht so schlecht… Nein, tatsächlich ist es natürlich so, dass ich mir auch jetzt schon wieder neue Projekte und Hochzeiten zum Tanzen aussuche. Und neu entdeckte und ungezwungene Bereiche drohen allmählich, in den Reigen der inneren Verpflichtungen aufgenommen zu werden – meine Antreiberinnen scharren schon mit den Hufen… Und trotzdem, allein die Erfahrung, wie es sich anfühlt, kurzzeitig unverantwortet weniger Möglichkeiten zu haben, wird mich hoffentlich noch eine Weile wohlwollend begleiten, wenn ich mal wieder in inneren Verhandlungen feststecke und mir selbst die größte Zumutung bin.  

Ich möchte hinzufügen, dass nicht alle Menschen gerade immer mal mehr Luft zum Atmen und Ruhe vor sich selbst haben. Viele kämpfen existentielle Kämpfe. Ich bin dankbar, dass ich nicht dazu gehöre. Und auch das ist eine Herausforderung unserer Zeit: Zu sehen, dass es uns allen anders und unterschiedlich gut geht. Und nicht der Versuchung zu erliegen, dies permanent zu bewerten bzw. andere oder uns selbst abzuwerten. Einiges ist, wie es ist. Und vielleicht gibt es hier und da positive Schauplätze, die uns bislang verborgen geblieben sind.  

Wie ist das bei Ihnen, wie geht es Ihnen im Land der begrenzten Möglichkeiten? Finden Sie neue Inseln der Ruhe (vor sich selbst)? Und können Sie sich erlauben, dies zu genießen oder gar laut zu tippen? 

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