Homeoffice braucht Vertrauensvorschuss

Homeoffice

Unser Freund Anton war wütend. Er saß mit ausreichend Abstand auf unserer Terrasse (da war schon Homeoffice, aber noch nicht so richtig totales Kontaktverbot) und verstand die Welt nicht mehr. Die Welt war vor allem sein Chef. Alle waren auf Kurzarbeit und duften im Homeoffice max. 2 Stunden arbeiten. Anton wollte aber noch die dringenden Zuarbeiten für die Ausschreibung fertig machen und dafür bräuchte er mindestens noch drei Tage á 8 Stunden. Wenn die Unterlagen nicht rechtzeitig zugearbeitet werden, würde das eine massive Verzögerung des Prozesses bedeuten und außerdem die Kosten verdoppeln.

Er hatte alles arrangiert: Frau, Kinder, Nachbarn – alle wussten: Anton darf die nächsten drei Tage nicht gestört werden! Nur der Chef ließ sich nicht erweichen. Acht Stunden könne doch kein Mensch ernsthaft im Homeoffice arbeiten, da würden doch alle nur bescheißen, wie sollte er (der Chef) denn das Kontrollieren, da könnte ja jeder alles aufschreiben. Nein, maximal 4 Stunden dürfte Anton aufschreiben und die restlichen 4 Stunden müsste er dann als Minusstunden verbuchen – da man entweder ganze acht Stunden in der Erfassung läuft oder gar nicht.

Antons Reaktion kam prompt nach dem kleinen Wutausbruch: Naja dann lass ich´s halt, ist ja nicht mein Problem, wenn der Auftrag vor den Baum geht, es ist ja nicht so, dass ich es nicht versucht hätte und wenn er es so haben will – bitte! Die nächsten Tage sitze ich jedenfalls auf meiner Terrasse und genieße die Sonne.

Es ist dieser Tage nicht ganz einfach für Führungskräfte, die noch nie MitarbeiterInnen im Homeoffice geführt haben zu wissen, was ein guter Umgang mit dieser Arbeitsform ist. Viele von uns kommen aus der Prägung, dass Menschen grundsätzlich zu ihren eigenen Gunsten schummeln würden, wenn man ihnen die Möglichkeit dazu gäbe. (Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch)

MitarbeiterInnen müssen überprüft werden, zur Arbeit angehalten, motiviert, gedrückt oder verpflichtet werden, denn der Mensch ist von Natur aus faul. Schaut man jetzt auf das Ergebnis von Antons Geschichte hat es sich auf jeden Fall bestätigt, denn Anton liegt die nächsten Tage faul auf seiner Terrasse und macht gar nichts. Wir können uns zwar sehr gut vorstellen, dass wir selbst niemanden bräuchten, der unsere Arbeit überwacht aber „die Anderen“ schon. Es verlangt uns als Führungskräften ein unglaubliches Maß an Vertrauensvorschuss ab, die MitarbeiterInnen ins Homeoffice zu entlassen und keine Möglichkeit zu haben, deren tatsächliche Arbeitsleistung in Stunden kontrollieren zu können. Bezahlt werden sie ja schließlich weiter – nach Stunden!

Was hilft ist ein Blick aus der Adlerperspektive auf das große Ganze. Über alles entspricht wahrscheinlich auch Ihr Team einer Gau´schen Verteilungskurve. Die überwiegende Mehrheit macht auch im Homeoffice ihre Arbeit wie im Büro, ausgewogen zuverlässig. Ein kleiner Teil läuft zu Hochform auf, ist doppelt so leistungsfähig wie vorher (weil vielleicht endlich keiner mehr stört) und ein kleiner Teil wird die neue Freiheit im eigenen Sinne ausnutzen. Das hat dieser kleine Teil aber auch schon vorher getan und da haben Sie es schon nicht mitbekommen.

Die Maßnahme, die Antons Chef ergriffen hat mag dem Versuch geschuldet sein, dass keiner im Team überhaupt die Möglichkeit haben soll zu schummeln, demotiviert aber gleichzeitig die Highperformer in einem Maße, dass er am Ende überwiegend Verweigerer hat und nur noch eine kleine Gruppe, die ihren Job einfach weitermacht. Der Schaden, den das vorgegriffene Misstrauen angerichtet hat, ist viel größer als der Schaden, den eine kleine Gruppe von Unwilligen anrichten kann. Es gibt immer einen der beim Topfschlagen nicht mitmacht. Egal, der kommt dann schon von alleine, wenn alle anderen Spass haben. Wie halten Sie es mit dem Vertrauen, können Sie loslassen?

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