Gestern hat eine Frau im ARD extra geweint

Es war eine Geschichte, wie sie derzeit zu tausenden vorkommt. Eine Familie mit zwei kleinen Kindern, beide Eltern berufstätig, halbwegs erfolgreich im HomeOffice, aber weit entfernt vom Normalzustand.  

Als die Mutter erzählte, wie wenig sie gerade den Ansprüchen ihrer Kinder gerecht wird, musste sie weinen und ich hab gedacht: Oh Gott, die Arme; Es muss wirklich sehr schlimm für sie sein, dass sie bereit ist ihre Tränen, im Rahmen einer Aufzeichnung für einen abendlichen Beitrag, Deutschland zur Verfügung zu stellen. 

Von außen mag man schnell dabei sein zu denken: „Hä, was ist denn das Problem immerhin seid ihr zu zweit, keiner ist ernsthaft krank, ihr habt was zu essen, ein Dach über dem Kopf – da gehts Euch besser als dem Großteil der Welt.“ Aber es ist wie immer eine Frage der Perspektive und, ich hypothetisiere, denn ich kenne die Frau nicht, eine Frage der eigenen inneren Antreiber. 

Ob wir unsere Situation als hoffnungsvoll und besser als die anderer oder als Zumutung und nicht mehr tragbar betrachten (einfach gesagt: halbvoll oder halbleer) ist eine Frage unserer inneren Bewertungsmaßstäbe.  Diese sind zu unserer Verteidigung nicht immer so ohne weiteres präsent und veränderbar, wir haben viele von ihnen schon in frühester Kindheit quasi geerbt. 

Kennen Sie solche Sätze wie: „Reiß Dich zusammen!“, „Stell Dich nicht so an!“, „Das kann gar nicht wehtun!“ oder „Und wiedermal hast Du alles falsch gemacht!“, „Auf Dich kann man sich nie verlassen!“, „Du kannst nichts richtig machen!“, „Alle anderen können das, nur Du wieder nicht“?  

Die Sätze können auch irgendwie anders lauten, haben aber gemeinsam, dass sie, wie Echos aus der Vergangenheit, die Stimmen unserer Bezugspersonen (Eltern, Großeltern, ErzieherInnen) repräsentieren. Nicht zwingend das was unsere Bezugspersonen wirklich gesagt haben, sondern häufig – und das ist das Fiese- so wie wir es als Kinder verstanden haben. Wir verinnerlichen diese Sätze und je nach Situation sagen wir sie zu uns selbst, ganz unbewusst, ohne es zu merken. Aber spüren tun wir es als Form von Überforderung, als Frust und Ärger über uns selbst, diffuse Unzufriedenheit, schlechte Stimmung, Reizbarkeit. 

Die meisten von uns haben einen inneren Antreiber, der stetig behauptet, wir würden uns zwar anstrengen aber das reiche leider noch nicht, einen inneren Richter, der meistens findet wir seien schuld an allem, einen inneren Perfektionisten, der wenn er nur ein bisschen krittelt schon genug gelobt hat und einen inneren Polizisten, der stets Acht gibt, dass wir nicht herumlungern, egal wie viel wir schon geleistet haben.  

Leider haben nur wenige einen inneren Wächter, der die Verhältnismäßigkeit von Anspannung und Entspannung wahrt, einen inneren guten Freund, der uns so liebt wie wir sind, eine innere Oma, die ständig von allem begeistert ist was wir machen und einen inneren Wissenschaftlicher, der objektives und sinnvolles Erwartungsmanagement betreibt.  

So etwas wünsche ich der Frau aus dem Fernsehen gestern, innere Stimmen, die sagen: „Unglaublich, was Du alles schon geleistet hast und wie Du es schaffst all diese unmöglichen Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen. Es mag für Deine Kinder eine Belastung sein, aber gleichzeitig können sie daran wachsen, sie werden ein bisschen selbstständiger werden müssen und vielleicht ist das für irgendwas gut. Du bist eine gute Mutter, schon allein, weil Du Dich fragst, ob Du alles richtig machst. Du bist eine gute Mitarbeiterin, weil Du bereit bist so große Anstrengungen zu leisten. Aber, Du musst die Welt nicht allein retten, wir sind viele und wir brauchen Dich gesund und leistungsfähig – Du darfst Dinge auch nicht tun oder nicht perfekt machen, Du darfst auch mal nein sagen, weil Du merkst es geht jetzt nicht. Auf unruhiger See immer eine Hand fürs Schiff und eine Hand für Dich selbst.“ 

Kennen Sie das? Was sagt ihr ärgster innerer Antreiber und wie kommen sie mit ihm oder ihr zurecht? 

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