Die Zigarettenkippen des lieben Teufels

Zigarettenkippe

Auf unserer Terrasse lagen neulich zwei Zigarettenkippen. Keine vormals ausgedrückten, die der Wind vielleicht aus einem Aschenbecher der wenigen Balkons hätte dahin wehen können, sondern runtergebrannte „Schnips-Zigarettenstummel“. Da hatte jemand seine Kippe weggeschnipst, vom Balkon in unseren Garten, auf unsere Terrasse!

Es war natürlich klar, dass der oder die, welche ihre oder seine Kippen verloren hatte, diese wenigstens leichtfertig, wenn nicht sogar willentlich auf unsere Terrasse geschnipst hatte. Aus menschlicher Bosheit, niedrigem Neid oder purer Ignoranz, jedenfalls nichts Positives. Wir konnten es vor unserem inneren Auge sehen, wie diese PERSON hämisch grinsend, auf unsere Terrasse zielend – schnips!

Menschen haben die Fähigkeit eigene Bewusstseinsvorgänge wie Gefühle, Bedürfnisse, Ideen, Absichten, Erwartungen und Meinungen bei sich selbst zu erkennen UND diese auch bei anderen zu vermuten. Es unterscheidet uns von den meisten anderen Tieren, dass wir uns vorstellen können, dass andere Menschen so denken und fühlen wie wir. Das besagt die Theory of Mind und wie man in meinem Beispiel gesehen hat ist sie sowohl ein Fluch als auch ein Segen.

Das Konzept der Mentalisierung geht sogar noch ein Stück weiter. Es besagt, dass wir das Verhalten von anderen Menschen versuchen zu interpretieren und auch vorherzusagen, in dem wir ihnen bestimmte Bewusstseinsvorgänge unterstellen. Ganz knapp gesagt, das Verhalten meines Nachbarn oder meiner Nachbarin ist mir ein Rätsel, um es mir zu erklären unterstelle ich ihr oder ihm z.B. Gedankenlosigkeit oder Boshaftigkeit und schon macht das Verhalten für mich einen Sinn und wird nicht selten zu – meiner eigenen – Wahrheit. Erstaunlicherweise sind wir mit dieser wenig faktenbasierten Handlungsanleitung unseres Gehirns über tausende von Jahren meist recht gut gefahren, aber wie immer zeigt sich der Teufel im Detail.

Man kann sich vorstellen, dass die Beziehung zwischen mir und meinem Nachbarn ganz wesentlich davon abhängt, welche Theorie über seine Absichten ich unserem nächsten Gespräch zugrunde lege. Hat er oder sie gedankenlos, naiv gehandelt – quasi jugendlicher Leichtsinn, an den ich mich selbst noch gut erinnern kann oder hat er oder sie bewusst boshaft gehandelt, wollte mir schaden und mich provozieren?

Ich weiß es nicht und werde es vielleicht nie erfahren. Selbst wenn ich wüsste welcher Nachbar oder welche Nachbarin diese Zigaretten einst rauchte, so weiß ich auch im Fall einer Konfrontation nicht sicher was die eigentliche Absicht war. Denn für welche Theorie seines oder ihres Geistes auch immer ich mich entscheide, mein Verhalten wird eine Auswirkung auf das Verhalten meines Gegenübers haben und ich habe immer nur einen Versuch.

Wir leben glücklicherweise in einem Rechtsstaat, der im Zweifel immer für den Angeklagten entscheidet. Dieses Prinzip ist wunderbar und jeden Tag auf‘s neue Wert darüber nachzudenken. Solange ich nicht weiß was die Person wirklich angetrieben hat so zu handeln, wie sie gehandelt hat, will ich sie nicht vorverurteilen, will ich ihr keine Boshaftigkeit unterstellen, sondern weiter versuchen zu verstehen. Für Führungskräfte kann es eine große Chance sein an der eigenen Fähigkeit der Selbstreflexion in dieser Hinsicht zu arbeiten. Zum einen wirkt es entlastend Menschen eher positive als negative Absichten zu unterstellen und zum anderen ist es ungemein lösungsfördernd.

Wir haben jetzt jedenfalls die Kippen einfach weggeräumt und planen eine nachbarschaftliche Gartenparty nach Corona – mal schauen wer so raucht und wer nicht 😉

Bei welcher Vorverurteilung haben Sie sich schon erwischt? Kennen sie die schnellen Gedanken des “das war ja wieder klar!”?

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