Die zerbrechliche Ehre des Ehrenamts

Die befreundete Kollegin ist empört und untermalt ihre Kurznachrichten mit entsprechenden Emojis. Grund: Eine größere Gruppe entfernter KollegInnen bietet im Internet kostenloses Coaching für Leitungspersonal an. Den Bereich benenne ich hier nicht, um niemanden persönlich sichtbar zu machen oder gar anzugreifen. Obwohl ich mich ein bisschen angriffslustig fühle. Dieses Gefühl macht sich breit und breiter. Zunächst war mir die Empörung meiner Kollegin etwas viel. Schließlich verdienen wir professionell Beratenden zumeist angemessenes Geld, es ist mehr als genug Beratungsbedarf für alle da, kein Grund zur Aufregung. Also begegnete ich ihr mit leicht abgeklärter Einfühlung und der Empfehlung zu mehr Großzügigkeit und Gelassenheit: „Ja, ich verstehe dich, ja, ich weiß, die problematischen Nebenwirkungen ehrenamtlicher Beratungsarbeit haben wir schon in der Ausbildung ausführlich diskutiert, ja, das entwertet unsere Arbeit, aber ist doch auch schön, wenn bislang beratungsferne Bereiche auf diesem Weg einen Zugang zur Reflexion der eigenen Arbeitstätigkeit erhalten – lass gut sein und halte den Frieden.“ Schon, als ich es gerade losgeschickt hatte, stieg eine kleine Scham in mir auf. Ich hatte gehofft, nun auch für mich den Frieden gesichert zu haben. Dem war leider nicht so. Über die letzten Tage und Wochen hat sich das Ehrenamt in meinen Gedanken festgekrallt und sorgt dort für ordentlich Aufruhr, sprich: Gefühle. Dieser Text dient also nicht zuletzt mir und meiner Selbstregulation. Damit ist er dann vermutlich auch nicht ehrenamtlich…

Der Begriff „Ehrenamt“ suggeriert einen enthaltenen menschlichen Wert, den wohl niemand kurzentschlossen an der Haustür abweisen würde: Ehre haben wir alle gern, Ehre lassen wir uns gern zuschreiben, nachsagen oder überhelfen. Dahingegen keine Ehre zu haben, das ist schlimm.

Wieviel Ehre steckt denn nun aber tatsächlich im Ehrenamt?

Historisch überflogen existieren nach meinem Verständnis schon mindestens seit der Antike zwei Formen des Ehrenamts: Die männlich-privilegierte und die weiblich-altruistische. Erstere wird bzw. wurde geleistet von gut situierten, männlichen Bürgern (z.B. im alten Rom), die genügend Freizeit hatten, um ihr Karma (anderes Glaubenskonzept, aber passend) durch die Übernahme zusätzlicher städtischer Ämter in Richtung Ehre aufzuhübschen. Die zweitgenannte Form ehrenamtlichen Arbeitens leisteten ursprünglich Frauen, indem sie bedürftige Personenkreise unterstützten, die sonst durchs System gefallen wären. Womit wir bei den Anfängen von Sozialarbeit landen. Und da ich nun schon die Genderbrille aufgesetzt habe, behalte ich sie mal noch ein wenig auf. Ich bin zwar keine Sozialarbeiterin, aber psychosoziale Arbeit selbst ist nach wie vor oft eine weibliche. In Teams der Kinder- und Jugendhilfe, in Kitas, in psychosozialen Studiengängen, in der Sozialberatung fallen die männlichen Kollegen durch Unterzahl auf – das ändert sich erst, wenn wir die Dimension verlassen und mal vertikal schauen: Je höher die Posten, desto männlicher die Runde. (Ich vernachlässige hier spezielle männlich dominierte Berufsbereiche, wie Streetwork und Erlebnispädagogik, und auch die Ausnahmen von der Regel.) Die Wahrscheinlichkeit ist also hoch, dass das Ehrenamt im psychosozialen Bereich auch heute noch oft ein weibliches ist. Wieso ist das wichtig? Es ist deshalb wichtig, weil es eine durch die Generationen getragene Erwartung an Frauen gibt, sich selbst für andere aufzuopfern – barmherzig, selbst- und kostenlos. Die Mutter, die Tochter, die Krankenschwester – sie alle haben über Generationen einen Wert zugeschrieben bekommen, der – bei Licht betrachtet – nur über Selbstentwertung zu erlangen ist und sich damit selbst in die Unerreichbarkeit katapultiert. So etwas Paradoxes lässt sich nur über starke Macht-, Wert- und Glaubensgerüste aufrecht erhalten, à la: Den Lohn für deine Mühen gibt’s im Himmel. Nun leben wir ja in Zeiten, wo Frauen in Industrieländern überwiegend bezahlter Arbeit nachgehen können, wenngleich ihre Arbeit oft noch ein bisschen weniger Wert zu sein scheint, was man an Lohnunterschieden leicht erkennen kann. Denn Lohn ist unter anderem ein äußeres Zeichen für den Wert der geleisteten Arbeit. Dass dieser Zusammenhang nicht immer das echte Leben widerspiegelt, sehen wir anschaulich in unserer pandemischen Ausnahmezeit: Systemrelevante Berufe aus den Bereichen Pflege, Betreuung und Verkauf/Service werden bislang kaum durch entsprechende Löhne wertgeschätzt.

Ob ich deshalb für die Abschaffung des Ehrenamts plädiere? Keineswegs! Soziale Systeme brauchen ehrenamtliches Engagement, wenn sie auf humanistischen Prinzipien fußen und alle Menschen als zugehörig und wichtig betrachten, sonst zerstören sie sich auf Dauer selbst. Die Frage ist nur, an welchen Stellen das Ehrenamt sinnvoll und ehrenhaft aufgehoben ist. Auch das hat uns der Corona-Ausbruch deutlich gezeigt: Wenn eine plötzliche (!) Lücke im (staatlichen) Versorgungssystem klafft, so ist es ehrenhaft, diese vorübergehend (!) möglichst gut zu schließen, indem z.B. jüngere und weniger gefährdete Menschen denjenigen die Einkäufe nachhause liefern, die für eine Weile ihre Wohnung besser nicht verlassen sollten. Dieses Ehrenamt ist unentbehrlich und ehrenhaft, weil der plötzliche Bedarf die rechtzeitige staatliche Reaktionsfähigkeit überfordert. Ein Dauerzustand sollte es hingegen nicht werden, sodass im Verlauf das Ehrenamt wieder überflüssig werden kann, weil entweder die Notlage vorüber ist oder das gesellschaftliche System Lösungen dafür entwickelt hat.

Ich erwarte von uns professionell Beratenden, dass wir nicht, aus welchen Gründen auch immer, unsere Arbeit vorschnell und an den falschen Orten zu billig oder gar kostenlos anbieten. Wir entwerten uns damit selbst, wir geben unserem Gegenüber das Gefühl, eine minderwertige Leistung zu beanspruchen, wir nehmen die zuständigen Stellen aus der Verantwortung, bestimmte Bedarfe anzuerkennen und dafür Gelder regelhaft zur Verfügung zu stellen. Wozu finanzielle Ressourcen schaffen, wenn es kostenlose Varianten gibt? Wir handeln unkollegial, wenn wir auf diese Art die Preise drücken. Und wir sind absurde Vorbilder für unsere Klientel, mit der wir auf vielfältige Art und Weise an Themen wie Selbstwert und Wertschätzung arbeiten.

Also besser zweimal hingeschaut – nicht überall, wo Ehre draufsteht, ist auch Ehre drin!

Jetzt geht’s mir ein bisschen besser… – Und Ihnen so?

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