Corona ist eine Hautkrankheit

Und mittlerweile dürften wir alle infiziert sein.

Glauben Sie nicht? Dann ist bei Ihnen und den Menschen um Sie herum die Haut in den letzten Monaten nicht dünner geworden? – Eben.

Die Corona-Pandemie ist eine kollektiv-traumatische Situation, die sich bereits über einen langen Zeitraum hinzieht und deren Ende sich nur erahnen lässt. Und gegensätzlich zur sprichwörtlichen Behauptung, dass uns stärker und unser Fell dicker macht, was uns nicht umbringt, lässt eine Belastung über so lange Zeit uns irgendwann Federn lassen und die Haut dünner werden. Mag sein, dass wir auch positive Nebeneffekte wahrnehmen, mag sein, dass wir am Ende was wichtiges gelernt haben und auch gewachsen sein werden. Im Hier und Jetzt sind wir alle (mal mehr, mal weniger und individuell verschieden) bedroht, belastet, hilflos und erschöpft. Und auf die Dauer helfen uns die halbvollen Gläser nicht mehr, auch nicht die stets möglichen Abwärtsvergleiche, dass es anderen noch schlechter geht. Denn das ist immer so. Es gibt immer Menschen, denen es schlechter geht. Bei uns herrscht kein Krieg, und die meisten von uns dürften genug zu essen und einen warmen Ofen haben. Irgendwann hat sich dieser mutmaßlich tröstende Vergleich erschöpft und nimmt uns nur noch die Erlaubnis zum Mitgefühl für uns selbst. Zum Jammern. Zum verzweifelt, rat- und hilflos Sein. Denn individuelles Leid ist nicht einfach objektivierbar, messbar oder vergleichbar. Positives Denken ist eine wichtige Ressource, aber manchmal eben nicht mehr die wirkungsvollste Medizin.

Eine traumatische Situation zeichnet sich aus durch Gefühle von Angst, Ohnmacht, Handlungsunfähigkeit und Kontrollverlust. Traumatische Situationen ergeben für uns keinen Sinn. Sinnhaftigkeit, Verstehbarkeit und Handlungsfähigkeit sind aber grundlegende menschliche Bedürfnisse. Und wo sich kein Sinn finden lässt, ist es verführbar, ihn zu erfinden. So verrückt viele Theorien zum Corona-Ursprung auch klingen mögen, sie geben den ErfinderInnen scheinbar ein Stück Sinn und Kontrolle zurück und wirken damit angstreduzierend. Leider geht die Sache nicht auf und hat schwierige Nebenwirkungen, aber erstmal ist es eine kurzfristige Lösung des traumatischen Dilemmas.

Ein weitere schwierige Begleiterscheinung traumatischer Ereignisse ist das Triggern vergangener belastender Situationen, die vom Gefühls- und Erlebnisgehalt eine Ähnlichkeit aufweisen. Viele Menschen, die bspw. unter dem DDR-Regime gelitten haben, kommen durch die aktuellen Einschränkungen der persönlichen Freiheit in Kontakt mit belastenden Erinnerungen und fühlen sich davon überwältigt.

All diese ängstlichen, reizbaren und erschöpften Menschen sind nicht die anderen, über die wir reden und von denen wir uns distanzieren können. Wir sind es selbst. Wir sind es, deren Haut dünner wird. Und aus diesem Grund müssen wir uns um unsere Haut kümmern, sie schützen und pflegen. Dünne emotionale Haut braucht Mitgefühl. Nicht nur für alle anderen, sondern erstmal für uns selbst. Eine Anerkennung und Wertschätzung der eigenen Belastung und einen liebevollen Umgang damit. Ein pflegendes Bad, eine ruhige Stunde, eine Selbstbelohnung außer der Reihe. 

Die Haut ist ein lebenswichtiges Organ. Corona greift unsere Haut an. Das müssen wir wissen und ernst nehmen. Privat und beruflich.

In arbeitsweltlichen Beratungsformaten wie Supervision und Coaching sollte es also jetzt besonders darum gehen, ein Bewusstsein dafür zu schaffen und einen Raum für das individuelle Belastungserleben zur Verfügung zu stellen, damit alle Beteiligten für die eigene Haut die passende Medizin finden können.

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